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17.02.17 10:35 Alter: 180 days

Mitglieder der Initiative zum Wiederaufbau der Obstbauversuchsanstalt Müncheberg kritisieren Situation auf dem Gelände

„Die Landesregierung lässt die Station einen langsamen Tod sterben”

Mitglieder der Initiative für den Wiederaufbau<br /> kritisieren: In der Obstbauversuchsstation in<br /> Müncheberg suchen interessierte Besucher-<br />innen und Besucher oft vergeblich nach ei-<br />nem Ansprechpartner.	 Foto: ideengrün.de

Mitglieder der Initiative für den Wiederaufbau
kritisieren: In der Obstbauversuchsstation in
Müncheberg suchen interessierte Besucher-
innen und Besucher oft vergeblich nach ei-
nem Ansprechpartner. Foto: ideengrün.de

Müncheberg (geh). Die Zukunft der Obstbauversuchsstation Müncheberg bleibt weiter ungewiss.

Besorgt zeigen sich die Mitglieder der Initiative zum Wiederaufbau der Obstbauversuchsanstalt Müncheberg in einer Pressemitteilung, die sie anlässlich der derzeitigen Situation auf dem Gelände verfassten.
Auf einem Seminar zur Obstforschung kritisierte der Pomologe Carsten Kühn, dass die derzeitige Situation der Obstforschungsstation in Müncheberg „alles andere als rosig“ ist. In der Anlage sei seit November 2016 bis Januar 2017 niemand anzutreffen, es gebe auch keine weitere Kontaktmöglichkeit. Auffällig sei auch, dass keine der üblichen im Winter dringend notwendigen Aktivitäten (Pflegemaßnahmen) zu beobachten wären, berichtete Kühn. Der Befall von Schädlingen nehme zu. Wühlmäuse breiteten sich aus, Bodenpflege und Unkrautbekämpfung erfolge nicht, berichtete Kühn.
Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD) hatte im Herbst 2016 ein Konzept zum Erhalt der renommierten Station vorgestellt. Seitdem ist jedoch nichts weiter passiert. „Die Landesregierung lässt die Obstforschungsstation einen langsamen Tod sterben. Wenn es bei der jetzigen Situation bleibt wird die Station in zirka zwei Jahren kaputt sein“, mutmaßt Kühn. Schon heute können die beliebten Seminare für die lokale Obstwirtschaft und interessierte Bürger nur noch durch die Unterstützung und Eigeninitiative von privaten Firmen und Vereinen angeboten werden.
Die Erhaltung der Biodiversität ist eine wichtige Forderung des Naturschutzes, sogar der EU, so Kühn. „Die Obstforschungsstation ist in der Lage, wertvolles genetisches Material zu sichten und zu erhalten. Dies ist zum Beispiel bei der Erforschung von sehr seltenen Arten der Birne sinnvoll, die auf Primitivformen und sehr alte Landsorten aus der sogenannten kleinen Eiszeit um 1850 zurückgehen. Dieses Material ist weltweit einmalig und von großer Bedeutung für die Forschung in Bezug auf den Klimawandel, da es über eine sehr hohe Frosthärte verfügt und nur noch im östlichen Brandenburg zu finden ist”, erklärt er.
Ein Beispiel seien die sogenannten Knittelbirnen. Da bereits 75 Prozent von Insekten, Vögeln und Tieren in der offenen Landschaft durch Zerstörung der intensiven Landwirtschaft verlorengegangen seien, wäre die Station gerade hier in der Lage, Konzepte für die Rückführung und Extensivierung der offenen Landschaft zu erarbeiten und Akteure zu begleiten, erläuterte Kühn.
Auf die Befürchtungen der Initiative gab es im Land prompt Reaktionen. So will der landwirtschaftliche Sprecher der bündnisgrünen Landtagsfraktion Benjamin Raschke Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD) beim nächsten Plenum zu einer Stellungnahme auffordern. Jörg Vogelsänger legte auf Druck der Opposition im vergangenen Herbst ein Konzept zum Erhalt der Obstbauversuchsanstalt in Müncheberg vor, das Parlament bewilligte daraufhin die finanziellen Mittel. Bislang gab es keine Informationen darüber, ob und wie das Konzept umgesetzt wurde. „Und nun das. Dem Landwirtschaftsausschuss hatte der Minister versprochen, dass die Station erhalten bleibt. Der aktuelle Hilferuf aus der Region darf nicht ungehört bleiben“, fordert Raschke.
In der traditionsreichen Obstbauversuchsanstalt Müncheberg werden für Forschungszwecke seit fast 90 Jahren Obstsorten angebaut - derzeit auf 32 Hektar über 1000 Apfelsorten, etwa 100 Sorten Birnen, 50 Sorten Kirschen und 25 Aprikosensorten. Sie stellen einen wertvollen Saatgut-Schatz einheimischer Obstsorten dar und sind angesichts der zunehmenden Kommerzialisierung und Globalisierung des Obstanbaus unter anderem für die Förderung regional produzierter Lebensmittel von hoher Bedeutung. Das in Müncheberg vorhandene genetische Erbe leistet bei der Züchtung neuer Sorten wichtige Dienste. Vor dem Hintergrund des fortschreitenden Klimawandels nimmt der Bedarf an Obstsorten zu, die den veränderten klimatischen Bedingungen standhalten. „Wenn Vogelsänger meint, dass die Obstbauforschung nicht zu den Pflichtaufgaben des Landes zähle, verkennt er die Situation“, so Raschke abschließend.
In der Tat wird sich von Seiten der Landesregierung darauf berufen, dass der Erhalt der Obstbauversuchsstation eine freiwillige Aufgabe ist. Vogelsängers Pressesprecher Dr. Jens-Uwe Schade sagt: „Es gibt ein Konzept, und das wird nach und nach mit Leben gefüllt”. Genau meine er damit, dass „Waldarbeiter eingesetzt werden, wenn was zu tun ist”.
Der OderlandSpiegel wollte das genauer wissen und fragte im Landesamt für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung, in dessen Zuständigkeit die Obstbauversuchsstation jetzt fällt, nach. Bärbel Oesterreich, verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit wiegelte ab: „Dazu kann ich nichts sagen”. Nach eindringlicherer Nachfrage legte sie den Hörer auf.
So blieb der Redaktion nichts anderes übrig, als offiziell schriftlich anzufragen. Wir wollten wissen: Wie ist die momentane Situation auf der Obstbauversuchsstation in Müncheberg? Wie viele Leute sind dort im Einsatz, um die notwendigen Pflegemaßnahmen durchzuführen? Die Antwort kam Stunden später gleich zweimal per E-Mail. Darin heißt es unter anderem: „In der Obstbauversuchsstation Müncheberg sind im Jahre 2017 - neben dem Stationsleiter, Herrn Dr. Schwärzel selbst und einer Sachbearbeiterin - ganzjährig zwei technische Kräfte für die Arbeit mit der speziellen Versuchstechnik, sowie zwei gärtnerische Kräfte jeweils vom 1. April bis 30. November 2017 tätig (also sechs Personen in der Saison). Damit ist die Station besser als in früheren Jahren ausgestattet. Wir müssen als Landesamt das Personal zu im öffentlichen Dienst üblichen Konditionen und Regelungen bereitstellen, so dass es zur Jahreswende zu einem vorübergehenden Engpass gekommen war.”
Die nächste, zeitlich anstehende Aufgabe sei der fachgerechte Gehölzschnitt für annähernd 10.000 Bäume (120 Mannstunden Arbeit mit Spezialtechnik), der durch das Stammpersonal nicht zu leisten ist und deshalb alle Jahre an eine Firma vergeben wurde. Bärbel Oesterreich schreibt: „Als Behörde müssen wir solche Leistungen öffentlich ausschreiben. Leider ist auf unsere landesweite Ausschreibung kein Angebot eingegangen, sodass jetzt ein konkretes Angebot einer Firma eingeholt wurde. Der Auftrag wird zurzeit erteilt und die Station bekommt baldmöglichst einen neuen Schnitt”.


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