13.03.15 12:59 Alter: 2 yrs

Kultur geht so und nicht anders

Die Freie Szene ist einig, wenn es um den eigenen Vorteil geht

Alle sollen sparen, nur sie nicht: Aktive der <br />Freien Szene stellen ultimative Forderungen.<br />Foto: H. M. Klemt

Alle sollen sparen, nur sie nicht: Aktive der
Freien Szene stellen ultimative Forderungen.
Foto: H. M. Klemt

- Von Uwe Meier -

Frankfurt/Oder. Kulturentwicklungsplanung und verknappter Haushalt sind die politischen Themen der Stadt dieser Tage. Die Aktiven der „Freien Szene“ sind bei der Formulierung ihrer Wünsche  ganz vorn dabei.

 
Die Freie Szene, das sind die nicht städtischen hier aktiven Vereine sowie freischaffenden Künstlerinnen und Künstler. Nach eigener Aussage alle, bei näherem Hinschauen viele von ihnen haben sich nun zusammengetan, um die ab April zu diskutierende Kulturentwicklungsplanung ab 2016 bereits im Vorfeld zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Einig sind sie sich darin, dass ihr Wirken für die Menschen der Stadt von größter Bedeutung ist.  Mit  Selbstverständlichkeit nehmen sie sich dann auch die Freiheit, anstelle der gewählten Stadtverordneten in die Planungen einzugreifen. Sie stellten nun munter eine ultimative Liste an Forderungen auf, die durch Stadtverwaltung und -politik gefälligst zu erfüllen sind.
Zum Beispiel sind demnach alle Antragstellenden aus ihren Reihen zu den für sie relevanten Sitzungen des Kulturausschusses einzuladen. Die von ihnen beantragten Projekte sollen dort präsentiert und ausführlich debattiert werden. Alle Entscheidungen des Kulturausschusses über die Projektanträge der Freien Szene sind schriftlich zu begründen.
Schön ist auch die Idee, durch eine politische Definition der Freien Szene deren Wichtigkeit für die „lebendige Kulturszene“ schriftlich zu bekommen, auf dass niemals wieder Mittel gestrichen werden können. Was dabei unerwähnt bleibt: Damit wären die Aktiven der Freien Szene endlich frei von so lästigen Fragen, ob ihre Projekte ein Publikum finden oder sonst irgendeinen Sinn erfüllen. Und was in Zeiten wachsenden Spardruckes besonders gut ankommt: „Wir verlangen eine Aufstockung der für die Freie Szene vorgesehenen Mittel.“
Gipfel des Forderungskataloges ist aber diese Vorführung von Rechenkünsten: „Die Freie Szene akquiriert dank einer städtischen Kofinanzierung meist mindestens das Doppelte an anderweitigen Mitteln hinzu, vermehrt also dadurch die eingesetzten städtischen Mittel.“ Statt sachlich richtig anzumerken, dass ihre Projekte dank vielerlei Fördertöpfen ja nur zum Teil von der Stadt zu bezahlen sind, drehen die Aktiven der Freien Szene den Spieß einfach um und erklären ihre Arbeit zum Geschenk an die Stadt. Wahrscheinlich kaufen die guten Leute auch nur Sonderangebote im Supermarkt, um sich auf diese Weise reich zu sparen.
Der Katalog endet hier noch lange nicht. Die Macherinnen und Macher der Freien Szene schreiben der Stadt unter anderem auch vor, wie schnell Förderzusagen bei ihnen einzugehen haben, dass Kürzungen beantragter Mittel nur möglich sind, wenn die Geförderten das auch so sehen und dass jährlich stattfindende Projekte langfristig abzusichern sind.
Als kleiner Eingriff in die städtische Personalplanung fordern sie zudem die Stelle eines „Lotsen“, der ihnen die Antragstellung so gut wie abnimmt und den Rest seiner Arbeitszeit damit zubringt, weitere Fördermittel für sie zu suchen. Begründung: „Das fördert eine aktive Bürgergesellschaft im Bereich Kultur, denn so werden auch neue und junge Kulturakteure dabei unterstützt, selbst gemachte Kultur zu wagen“. Aha.
Der Forderungskatalog lässt an Anspruchshaltung und Selbstbewusstsein nichts zu wünschen übrig. Nur die Worte bitte und danke, die fehlen vollkommen. Die Freie Szene ist in der Tat bisweilen aktiver als städtische Kultureinrichtungen, fördert künstlerische  Eigeninitiative und strahlt über die Grenzen der Stadt hinaus. Das ändert jedoch nichts daran, dass auch ihre Arbeit nur von einem überschaubaren Teil der Frankfurterinnen und Frankfurter anerkannt und wahrgenommen wird. Sparen muss die ganze Stadt. Dies für sich pauschal abzulehnen, also auf Kosten der Menschen dieser Stadt agieren zu wollen und dabei nicht einen Hauch guter Kinderstube zu zeigen, lässt am Geisteszustand der Autorinnen und Autoren dieser Liste zweifeln. Die Aktiven der Freien Szene wären gut beraten, gründlich in sich zu gehen, ihre Tonlage zu überdenken und selbst die offene Kommunikation aufzunehmen, die sie von Verwaltung und Politik fordern.
Der Forderungskatalog wurde unterzeichnet von Wolfgang Flieder, Thorsten Gesser, Stefan Große Boymann, Brigitte Kabel, Michael Kurzwelly, Judith Lenz, Richard Rath, Gunhild Strauch, Christian Seibert, Thomas Strauch, Claudia Tröger, Carmen Winter und Claudia Wołoszyn für die Vereine Art an der Grenze, JazzFF e.V., Kleines Kino e.V., Kunstgriff e.V., Die Oderhähne, Radio Słubfurt, Slubfurt e.V., Studierendenmeile e.V., Theater des Lachens, Transvocale e.V., Verbündungshaus Ffost e.V. und ZeitBankCzasu.