Eine junge Türkin fragte mich einmal, warum der Tag der Deutschen Einheit nicht mit einem Volksfest zelebriert wird. Mir fiel keine Antwort ein. Am schlechten Wetter zu dieser Jahreszeit liegt es wohl kaum, denn die Holländer feiern den Geburtstag ihres Königs im April feuchtfröhlich im Freien. Allerdings muss unser Nationalfeiertag mit dem international viel bekannteren Oktoberfest konkurrieren. Vielleicht ließe sich beides zu einem großen Saufgelage kombinieren. Zu den wenigen regelmäßigen Veranstaltungen am 3. Oktober zählt der Tag der offenen Moschee. Aber da ist es schwierig, ein Bier und eine Bratwurst zu bekommen, und die Musik bleibt Geschmacksache. So verbringen die meisten den Einheitstag vor der Glotze. Dann gibt es noch einen hartnäckigen Kern, der keinen Grund zum Feiern sieht. Dazu gehören alte Genossen, die den Verlust ihrer Privilegien und der Datsche am See beklagen. Sie sprachen vor 27 Jahren von einem Anschluss und warnten vor Großdeutschland. Diesen Unabhängigkeitskampf fand ich damals schon albern. Wir waren doch keine ethnische Gruppe wie Kurden oder Katalanen. Inzwischen sehnen sich sogar junge Leute nach der guten alten Zonenzeit, die sie nie erlebt haben, vergleichen demokratisch gewählte Politiker mit dem Politbüro, werfen ihnen Stasimethoden vor und verharmlosen damit die gestürzte Diktatur. Die von ihr begangenen Verbrechen blieben meist ungesühnt. Das war das einzige, was mich nach der Wiedervereinigung enttäuschte. An der Einheit selbst gibt es nichts auszusetzen. Eine Grenze weniger ist immer gut, besonders wenn sie ein Ergebnis des zweiten und des kalten Kriegs war. Das ist ein Grund zum Feiern.