Eigentlich trauere ich nie der guten alten Zeit hinterher. Früher war es nicht besser. Das kommt uns nur so vor, weil wir unsere Jugend vermissen. Aber Himmelfahrt macht mich ein bisschen nostalgisch. Dann erinnere ich mich an die einzige Männertagstour, an der ich je teilnahm. Wir hatten gerade die friedliche Revolution gewonnen. Mit dem Sturz des Regimes wurde Himmelfahrt ein Feiertag. Meine Freunde und ich waren alle um die achtzehn Jahre alt. Wir konnten also trinken und die neue Freiheit feiern. Fahrräder waren damals weitestgehend akzeptiert und durften unter Alkoholeinfluss bedient werden. Also schwangen wir uns auf die Drahtesel und fuhren rund um Frankfurt von einer Dorfkneipe zur nächsten. Es machte Spaß, mit wildfremden Landeiern anzustoßen und lyrisch fragwürdige Sauflieder zu grölen. Fast alle Käffer, Vororte und Außenbezirke verfügten über Spelunken, einige mit Biergarten, die meisten mit einem verräucherten Schankraum. Dort durfte inzwischen über Politik geredet werden, ohne dass die Stasi mitschrieb. Nur eine Sache schmälerte meinen Genuss jenes Tages. Ich musste mir kurz davor die Haare abrasieren, um gewisse Insekten loszuwerden, die sich während eines Strandbesuchs eingenistet hatten. Mit Glatze sah ich furchterregend aus und wurde von manchen Dörflern für einen derjenigen gehalten, die absichtlich kahl waren. Jemand schlug mir sogar potenzielle Opfer vor. Er zeigte sich enttäuscht, als ich nicht darauf einging. Schön war sie, die Wendezeit. Am Ende desselben Jahres zog ich in die weite Welt, wo unsere Sorte Männertag unbekannt ist. Heute sind mir Veranstaltungen, bei denen die Herren unter sich bleiben wollen, etwas suspekt.