Der Prager Frühling jährte sich diese Woche. Vor fünfzig Jahren versuchten die Menschen der damaligen Tschechoslowakei, Sozialismus mit Menschenrechten und Mitbestimmung zu kombinieren. Sowjetische Panzer beendeten das Experiment mit Gewalt. Bei der Erinnerungsfeier erntete der heutige Ministerpräsident und zweitreichste Mann des Landes Buhrufe. Andrej Babis, einst Mitarbeiter der Staatssicherheit, seine Minderheitsregierung geduldet von der Nachfolgepartei alter Stalinisten, gilt bei der Aufarbeitung der Vergangenheit als nicht besonders glaubwürdig. Kann uns doch schnurz sein, werden sich manche denken. Tschechische Probleme sind für uns böhmische Dörfer. Aber auch in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone und „deutschen demokratischen Republik“ hapert es mit der Erinnerungskultur. Stasi-Veteranen sitzen im Bundestag. Die Frankfurter Gedenkstätte für Opfer der Gewaltherrschaft öffnet nur zweimal die Woche. Vor dem Gebäude, das die Bezirksleitung der Genossen Spitzel beherbergte, erinnert eine kleine Gedenktafel des Neuen Forums an die friedliche Revolution, die einige ältere und jüngere Ost-Nostalgiker inzwischen schon als Invasion des dekadenten kapitalistischen Westens umdeuten. Schulen lehren relativ wenig über die Diktatur der roten Socken und ihr Ende. Als ob wir uns dafür schämten, das Regime gestürzt zu haben. Wenn wir die Verbrechen der sozialistischen Tyrannei verdrängen, bereiten wir denjenigen den Weg, die selbst den Nazi-Terror unter den Teppich kehren oder gar schönreden wollen. Sollte das den linken und rechten Vergessenskünstlern gelingen, verlieren alle anderen ihre Zukunft.