- Von Georg Langer -
Vor Kurzem stand ich in der Schlange eines Supermarkts. An der Nachbarkasse warteten drei Männer. Einer von ihnen machte die anderen beiden auf eine schätzungsweise dreizehnjährige Jugendliche aufmerksam, die kurze Hosen trug. Dann pfiff er ihr nach. Nun begann mein innerer Konflikt. Sollte ich die drei zur Rede stellen? Einerseits hätte das Zivilcourage gezeigt. Vielleicht wussten die Männer nicht, wie unakzeptabel ihr Verhalten war. Andererseits hätte ich mich in etwas eingemischt, das mich nichts anging. Ich kannte schließlich keine der Beteiligten. Das Mädchen hatte die Anzüglichkeit entweder nicht bemerkt oder beschlossen, sie zu ignorieren. Soviel ich weiß, ist verbale sexuelle Belästigung in Deutschland legal. Selbst die Täter der Silvesternacht in Köln sind ausnahmslos auf freiem Fuß. Dazu kam noch eine rein praktische Erwägung. Der Pfeifer und seine Freunde sprachen Maghrebinisches Arabisch. Diesen Dialekt beherrsche ich nur äußerst gebrochen. Also hätte ich erst herausfinden müssen, ob sie Deutsch oder Englisch verstehen, um mich dann mit ihnen anzulegen. Dabei wäre ich eventuell noch in die Verlegenheit gekommen, den anderen Anwesenden erklären zu müssen, dass ich nicht ausländerfeindlich, sondern perversenfeindlich motiviert bin. Im schlimmsten Fall wären die drei Männer aggressiv geworden. War ich bereit, mich auf eine Rauferei im Supermarkt einzulassen, wegen eines einzigen Pfiffs? Letztendlich wählte ich eine halbherzige Lösung. Ich starrte den Sittenstrolch, der gepfiffen hatte, streng an. Am Ausgang überzeugte ich mich, dass keiner der drei dem Mädchen nachstellte. Dann ging ich meiner Wege.