Von Katja Gehring
„Zeugnisse sind Testate über das Vermögen der Lehrer, die nachweisen, was sie welchem Schüler nicht beizubringen vermochten”. Diese These hat die Schriftstellerin Christa Schyboll einmal aufgestellt. Ob sie stimmt? Wer weiß. Jedenfall haben vorigen Mittwoch Tausende Schülerinnen und Schüler in der Oderregion schwarz auf weiß in die Hände gekriegt, was ihnen beigebracht wurde oder auch nicht. Es gab Zeugnisse. In vielen Haushalten geht nun das Theater wieder los. „Warum haste nicht besser aufgepasst? Was soll nur aus dir werden? So schlecht war dein Zeugnis ja noch nie...” - Mütter und Väter können grausam sein. Dabei ist es doch verständlich. Viele Lehrkräfte verweisen auf die Schuld der Eltern, wenn ihre Schützlinge mit nicht so guten Leistungen glänzen. Natürlich. Was können auch Lehrerin und Lehrer dafür, wenn Kinder in der 4. Klasse den Unterschied zwischen wie und als nicht kennen? Und wer kommt nur auf die Idee, Lehrende dafür verantwortlich zu machen, dass das kleine Einmaleins ein Fremdwort ist? Was manchmal vergessen wird ist, dass Lernen erstmal gelernt werden muss. Nicht selten bleiben deshalb Schülerinnen und Schüler auf der Strecke. Am Ende können sie nicht anders, als bei den Anderen zu spicken, weil die eigenen Kenntnisse zu armselig sind. Dann kommt ein Zitat von Armin Mueller-Stahl ins Spiel, der meint: „Nicht alles ist ein Zeugnis der Armut, manches ist auch ein Armutszeugnis.” Aber wem wird es ausgestellt? Den Schülerinnen und Schülern? Oder vielleicht doch eher den Pädagogen? Da wäre es echt zu wünschen, dass sie Engagement und Arrangement nicht dauernd verwechseln würden.