Von Georg Langer
Der Wahlkampf fährt mit Volldampf voraus. Deshalb gehört zum Programm jedes zweiten Neujahrsempfangs eine vorbereitete, lange Rede. Meistens läuft die auf eine Warnung vor und Kritik an einer nicht namentlich erwähnten rechtspopulistischen Gruppe hinaus. Wer uns nicht wählt, kriegt am Ende die, lautet die Botschaft. Eine erfrischende Abwechslung fiel diese Woche in Frankfurt (Oder) auf. Chef und Chefin der deutschen Bündnisgrünen erwähnten bei ihrem Gastauftritt im äußersten Osten des Landes die gefürchtete Protestpartei kaum. Stattdessen sprachen sie von ihren eigenen Fehlern und Zukunftsplänen. Es geht also durchaus, Stimmen zu fangen, ohne sich ständig am Rivalen zu orientieren oder dessen Formulierungen wie „alte verkrustete Strukturen aufbrechen“ zu klauen. Selbstkritik und eigene Ideen funktionieren eben besser als Panikmache. Das erfordert auch den Mumm zu kontroversen Vorschlägen. Statt den Solidaritätszuschlag abzuschaffen, was Geringverdiener nur um eine einstellige Eurosumme im Monat entlasten würde, wollen ihn die beiden Obergrünen seinem eigentlichen Zweck zuführen. Nebenbei besinnen sich die Erben der westlichen 68er und der östlichen Bürgerrechtler auf ihre rebellischen Wurzeln. Hoffentlich kommt das bei der hiesigen Ortsgruppe an. Die betrachtete sich beim Streit um die Kreisgebietsreform und während der Oberbürgermeisterwahl eher als Steigbügelhalter für parteifremde Kandidaten, die mit Umweltschutz wenig am Hut haben. Baerbocks und Habecks Unterstützung des kritischen Journalismus teilen die übrigens auch nur bedingt. Dabei kenne ich einige Regionalgrüne, die mehr sein möchten als eine Nebenfarbe für rot.