Pünktlich zum jüdischen Lichterfest und knapp ein Jahr nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt brennt in Berlin der Davidstern. Bei mehreren Demonstrationen, die abwechselnd als propalästinensisch und antiisraelisch bezeichnet werden, erklingen judenfeindliche Sprechchöre. Politiker fast aller Parteien verurteilten das, manche sogar aufs Schärfste. „Aber halt”, sagen verharmlosende Stimmen, es handele sich nicht um Judenhass, sondern um Israelkritik. Ein derartiges Wortgetüm besteht meines Wissens für kein anderes Land. Es gibt weder Deutschlandkritik, noch Russlandkritik, Nordkoreakritik oder Türkeikoreakritik. Ausgerechnet beim jüdischen Staat fühlen sich Deutsche berufen, Kritik zu üben. Nicht Kritik an einem bestimmten Vertreter des Landes, sondern an Israel insgesamt. Antisemitismus gilt als gesellschaftsfähig, so lange er einen anderen Namen trägt. Von den deutschen, türkischen und arabischen Rechtsextremen, die in Berlin grölen und ihre Nationalfahnen schwenken, erwarte ich nichts anderes. Bei denen gehört es zum Berufsbild, gegen Juden zu hetzen. Die türkischen Flaggen verteilten vermutlich Erdogans Agenten. Die Fahne des noch nicht existierenden palästinensischen Staates hatten erstaunlich viele Berliner parat. Aber woher kamen die übergroßen syrischen Flaggen? Gibt es die in Berlin zu kaufen, oder bringen Flüchtlinge so etwas im Gepäck mit? Noch verstörender sind die Teilnehmer, die sich selbst für Linke halten. Oft scheinen die nicht zu merken, bei wem sie da mitmarschieren. Die arabischen Sprechchöre verstehen sie nicht. Den Arafat-Schal finden sie schick. Beängstigend, wie schnell der gemeinsame Hass auf ein Volk den rechten und linken Rand der Gesellschaft vereinen kann.