Lang ist es her, als die Olympischen Spiele nur ein Ritual bedeuteten, bei dem nackte Griechen zeigten, wer welchen Gegenstand am weitesten werfen kann. Inzwischen dürfen alle Nationen und Kolonien teilnehmen. Zuletzt versuchten sogar Kopftuchmädchen in langen Hosen ihr Glück beim Volleyball. Die dafür notwendige Änderung der Kleidervorschriften war eine der vielen Zugeständnisse der Organisatoren an einflussreiche Länder. So musste auf Drängen Pekings die taiwanesische Mannschaft den Namen „chinesisches Taipei“ für ihr Land verwenden. Bei den vorigen Sommerspielen wurde Russland trotz massiver Vorwürfe nicht ausgeschlossen. Inzwischen sollen sich die Beweise häufen, dass der Kreml selbst das Doping russischer Sportler organisiert oder wenigstens duldet. Da musste das Olympische Komittee einschreiten. Unbescholtene Sportler des Mutterlands dürfen zwar weiterhin antreten, aber ohne Flagge. Präsident Putin reagierte erstaunlich sachlich auf diesen Kompromiss. Von einem Boykott der Spiele will er nichts wissen. Möglicherweise stört es den Staatschef, einen begeisterten Judoka schon längst, dass junge Menschen im Namen des Nationalstolzes mit Drogencocktails vergiftet werden. Er hat diese Praxis ja nicht erfunden, sondern vom Sowjetregime geerbt. Das hält einige seiner Anhänger nicht davon ab, eine internationale Verschwörung zu vermuten. Aber Schummeln ist kein Grundrecht. Und das größte Land der Welt schafft es sicher auch ohne Betrug, Medaillen nach Hause zu bringen. Wenn dieses Beispiel Schule macht, gewinnen im Leistungssport bald wieder die begabtesten Athleten, und nicht die besten Chemiker.