Von Georg Langer
Draußen ist es so kalt, dass es wehtut. Um so gemütlicher fühlt sich ein Abend im warmen Wohnzimmer an, vor der Glotze oder dem Rechner. Leider hat das auch Nachteile. Was wir selbst erleben, geschieht wirklich. Ob wahr ist, was ein Bildschirm zeigt, bleibt Ansichtssache. Bei gegensätzlichen Behauptungen sucht sich jeder die aus, die ihm passt. Umfrageergebnisse werden zu Tatsachen, Meinungen zu Wissen, Widersprüche zu Verschwörungen. Kurz vor einer Wahl verschwimmen die Fakten am meisten. Vor einigen Tagen erreichte mich eine Nachricht. Deren Verfasser hegte den Verdacht, ein Leserbrief, in dem ein Kandidat für das Amt des Frankfurter Oberbürgermeisters gelobt wurde, stamme aus der Feder des Kandidaten selbst. Schließlich sei die angebliche Verfasserin des Briefs im Januar verstorben. Zum Glück ließ sich das nachprüfen. Vor zwei Wochen hatte ich mit der Autorin des Leserbriefs telefoniert. Dabei hörte sie sich weder wie der Kandidat an, noch wie eine Tote. In vielen anderen Fällen ist es nicht so einfach, wahr und falsch auseinanderzuhalten. Bei einer Demonstration zählte die Polizei hunderte Teilnehmer, der Organisator tausende. Laut einer Umfrage denken die Durchschnittsdeutschen, jeder fünfte von ihnen wäre Moslem. In meinem Bekanntenkreis trifft das auf niemanden zu, aber die Umfrage schimpft sich repräsentativ. Wie entscheiden wir also, was stimmt? Eine Freundin lehrte mich einst, an das Gute zu glauben, und am Bösen zu zweifeln. Das hilft in fast allen Lebenslagen. Nur beim Wetter lässt es sich nicht anwenden. Egal wie oft mir Leute im Fernsehen erzählen, der meteorologische Frühling hätte am Donnerstag begonnen, ich friere trotzdem.