Meine Oma trug gerne Kittelschürzen. Das zumindest dachte ich als Kind immer. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass meine Oma das Ding nur anhatte, weil es von ihr erwartet wurde. Sie hatte dafür zu sorgen, dass das Essen auf dem Tisch steht, wenn Opa von der Arbeit kommt. Sie war dafür zuständig, dass dann das Haus blitzte und die Wäsche gemacht war. Wenn ich genauer darüber nachdenke, wird mir klar, dass sie dafür nicht die Robe aus dem alten, braunen Kleiderschrank holen musste. Heutzutage würden Sechszigjährige solche Dederon-Hängerchen wahrscheinlich nur noch zu einer feuchtfröhlichen Karneval-Party anziehen. Überhaupt sind die Alten von heute viel cooler, als sie es noch vor dreißig Jahren gewesen wären. Einzig ihre Rührigkeit ist geblieben. Nur dass sie die heute ganz anders an den Tag legen. Als Hausmütterchen möchten sie sich nicht mehr abstempeln lassen. Viel lieber nutzen sie die Zeit ab der Rente für Reisen in die ferne Welt oder mit dem Cabrio durch Ostbrandenburg. Meiner Oma war damals lediglich die Fahrt zur Kaufhalle vergönnt - auf dem Fahrrad. Unterwegs hielt sie hin wieder an, um am Gartenzaun mit Leidensgenossinnen über die alltäglichen Wehwehchen zu schwatzen. In der heutigen Zeit hingegen bedauern die junggeblieben Mittsechzigerinnen, dass sie die halsbrecherische Yoga-Figur nicht mehr ganz sauber hinkriegen oder ihnen das allmorgendliche Joggen zunehmend schwer fällt. Dazu treffen sie sich auf Facebook oder auch mal im Café, und dann gekleidet in hippigen Klamotten. Ja, die Zeiten haben sich geändert. Die Alten von heute zeigen den Jungen, dass Leben Spaß macht.