Hoch motiviert werden viele Mädchen und Jungen am Montag zum ersten Mal offiziell den Weg zur Schule gehen. Was sie dort erwartet, hat mit dem Ernst des Lebens von früher nicht mehr allzu viel zu tun. In den ersten zwei Jahren bekommen sie keine Zensuren. Für die Schüler mag das zunächst traumhaft sein. Für die Eltern kann es hingegen schnell zum Albtraum werden. Während eine Eins oder eine Sechs sehr deutlich machen, welche Defizite die Kinder in den einzelnen Fächern haben, geben Smiley oder Bienchen nur äußerst bedingt Aufschluss über den tatsächlichen Leistungsstand. Anstatt zweimal im Jahr ein Zeugnis mit Zensuren in den Händen halten zu dürfen, müssen Eltern vor Ablauf des ersten Halbjahres zum Gespräch in die Schule. Da geht sie dann los, die Suche nach einem geeigneten Termin. Wenn Mütter und Väter nach Feierabend Zeit hätten, wollen die meisten Lehrer wahrscheinlich schon längst zuhause sein. Das Resultat: Irgendwer ist bei diesen Konsultationen immer gestresst. Ob in dreißig Minuten alle offenen Fragen geklärt werden können, bleibt obendrein dahingestellt. Zum Schuljahresende erhalten die Familien dann eine schriftliche Einschätzung, die zu formulieren viel Zeit in Anspruch nimmt. Eigentlich haben die zwei Schuljahre ohne Benotung nur einen Vorteil: Es gibt keinen schriftlichen Beweis in Form von schlechten Zensuren für nicht vermittelten Stoff, woran Lehrermangel und dadurch ausgefallene Unterrichtsstunden schuld sind. Durch dieses Prozedere wird der Ehrgeiz der Kinder gebremst. Um dem wachsenden Fachkräftemangel frühzeitig begegnen zu können, müssen andere Strukturen gefunden werden.