An den ersten Urnengang erinnere ich mich gut. Meine Volljährigkeit fiel mit der ersten freien Wahl in Ostdeutschland zusammen. Eines der Hauptziele der friedlichen Revolution war erreicht. Das Neue Forum bat mich, als Stimmenzähler im Frankfurter Wahllokal mitzuhelfen. Bevor der Laden geöffnet wurde, setzten sich alle Wahlhelfer zusammen und stellten sich vor. Der Vorsitzende ging ganz selbstverständlich davon aus, nur Genossen seiner kürzlich umbenannten Partei, die bisher allein geherrscht hatte, wären anwesend. Als er erfuhr, dass zwei von uns der von seinesgleichen als staatsfeindlich eingestuften Bürgerbewegung angehörten, stand ihm das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Seine Befürchtungen bewahrheiteten sich, als wir ihn baten, die Wahlwerbung seiner Partei von der Eingangstür zu entfernen. Widerwillig fügte er sich. Dann trafen die ersten Wähler ein. Viele, besonders ältere, trauten dem Ganzen nicht so richtig. Mehrmals musste ich darauf hinweisen, dass es jetzt nicht mehr reicht, den Zettel ungelesen zusammenzufalten. Einige fragten mich flüsternd, wen sie ankreuzen müssten, um keinen Ärger zu bekommen. Demokratie war gewöhnungsbedürftig. Heutzutage langweilt sie manche Leute, die sich wieder nach ein bisschen Diktatur sehnen, nach Zensur, Grenzkontrollen, Zentralisierung, Verboten, Überwachung, Sonderrechten für Polizisten, nach der guten alten Zeit. Mit einem vormundschaftlichen Staat war für einige alles einfacher. Wir mussten noch nicht so viele Entscheidungen fällen. Um so mehr freut es mich, dass wir das seit 1990 dürfen. Selbstbestimmung kann nämlich viel Spaß bereiten. Deshalb gehe ich am Sonntag wählen.