In der Vorwahlzeit schwatzen wohlhabende Politiker von sozialer Gerechtigkeit. Die Schere zwischen arm und reich gehe immer weiter auseinander, jammern sie. Das stimmt auch. Dennoch schere ich mich nicht so viel um diese Schere. Arm und reich existieren schon, seit der erste unserer Vorfahren einen Knüppel mehr besaß als der Andere. Bei uns verhungern selbst die Ärmsten selten. Noch wichtiger finde ich die Schere zwischen Recht und Gerechtigkeit. Wer mit 120 Sachen durch Ortschaften rast, wo Kinder spielen und Omas mit Rollator unterwegs sind, muss mit einem Bußgeld rechnen. Wer unter Alkoholeinfluss Rad fährt, bekommt eine deutlich höhere Geldstrafe, wird zur Blutabnahme und vor Gericht geschleift. Eine Marihuanazigarette anzuzünden ist strafbar, einen schlafenden Obdachlosen nicht unbedingt. Wenn in letzterem Fall Fehler beim Verhör gemacht wurden, gehen die Täter frei aus. Wenn die Gesetzeshüter einem Verkehrssünder Schläge androhen oder eine Verkehrssünderin sexistisch anmachen, hat das kaum Konsequenzen. Betrüge ich eine Person, bin ich kriminell. Betrüge ich Tausende, erhalte ich einen Bonus und eventuell Finanzhilfe vom Staat. Die meisten intelligenten Lebewesen verfügen von Natur aus über einen Sinn für Gerechtigkeit. Manche gewöhnen ihn sich ab, um Kohle oder Karriere zu machen. Das wird gern Pragmatismus oder Realismus genannt. Viele behalten das Gefühl für Recht und Unrecht. Sie werden von Rechten als Gutmenschen, von Linken als Idealisten, von Islamisten als Ungläubige beschimpft. Wahre Gerechtigkeit gilt als utopisches Ziel. Ich finde, es sollte Teil unserer viel beschworenen Leitkultur sein.