Wieder einmal streikten Bus- und Straßenbahnfahrer. Für Passagiere bedeutete das Fußmärsche bei Minusgraden, für mich ein Wiedersehen mit Gewerkschaftsfunktionären. Einige ärgern sich immer noch über die Zeilen, die ich vor zwei Jahren zu einem ähnlichen Ausstand schrieb. Wenigstens kündigten sie ihn diesmal an, und legten ihn in die Schulferien, um nicht mehr Unschuldigen zu schaden als notwendig. Auch stellten sich diese Woche gleich zwei hochrangige Vertreter der Linkspartei dazu. Beide bekunden ihre Solidarität mit den Streikern und geben „den Arbeitgebern“ die Schuld. Damit ließe sich punkten, gäbe es nicht einen kleinen Unterschied zum industriellen Arbeitskampf: Die Arbeitgeber sind in diesem Fall keine Zigarren rauchenden und Zylinder tragenden Kapitalisten, sondern die Stadt Frankfurt (Oder) beziehungsweise das Land Brandenburg, beide von Linken regiert. Von denen muss das Geld für die durchaus berechtigten Forderungen nach mehr Lohn kommen. Statt Klassenkampf zu spielen, könnten die beiden Lokalpolitiker einfach ihren Parteigenossen ins linke Gewissen reden. Dann bekämen sie mehr Wähler, die Fahrer mehr Kohle, die Fahrgäste die öffentliche Dienstleistung, die sie zu Recht für ihre Steuern erwarten, ich weniger Anlass für kritische Kommentare, und niemand eine Erkältung. Vermutlich lägen die Erfolgschancen solcher Gespräche höher als die eines Warnstreiks, der Entscheidungsträgern auf Arbeitgeberseite völlig Latte sein kann. Die haben den Preis für Monats- und Jahreskarten längst eingesackt, und brauchen bestimmt keine öffentlichen Verkehrsmittel, um morgens ins Büro zu kommen.