Leicht entsteht der Glaube, Menschen empfänden heute mehr Angst als früher. Mehrere Seen, in denen wir als Kinder herumplantschten, zieren inzwischen Badeverbotsschilder. Burg- oder Kirchturmtreppen aus dem Mittelalter verursachen Panikattacken. Bei fast jedem Wetter wird der Notstand ausgerufen. Sonnige Tage heißen Dürrekatastrophe, weiße Winterlandschaften Schneekatastrophe. Fehlt nur noch, dass die vergangene Woche zur Nieselkatastrophe erklärt wird. Manche Wissenschaftler vertreten die Theorie, dass die Menschheit insgesamt verweichlicht. Aber Angst ist umweltbedingt. Ein Äthiopier names Judah, den ich während meiner Zeit in Afrika kennenlernte, machte einen furchtlosen Eindruck. In Gegenden, wo Leoparden herumschleichen und Hyänen kichern, übernachtete er im Freien. Einer Bande jugendlicher Zulus, die unser Geld wollten, sagte er ins Gesicht, sie wären eine Schande für ihr Volk. Doch als Touristen ihn nach Europa einluden, lehnte er entsetzt ab. Dort sterben Tausende durch Verkehrsunfälle, sagte Judah. Bei modernen Europäern, die den Großteil ihres Lebens in Wohnungen, Büros oder Autos verbringen, funktioniert Angst umgekehrt. Sie fürchten sich vor den seltenen Wölfen, vor dem einzigen Wisent seit Jahrhunderten, und selbstverständlich vor den bösen Ausländern. Andererseits rammen sie bedenkenlos das Gaspedal herunter, wenn eine Ampel in der Innenstadt gerade auf Rot schaltete. Sie vergittern ihre Fenster, weil sie Einbrecher schlimmer finden als Feuer. Fahrverbote machen ihnen eher Angst als vergiftete Luft. Furcht vor dem Unwahrscheinlichen ersetzt die Furcht vor dem wirklich Gefährlichen. Der moderne Mensch ist nicht verweichlicht. Er ist nur verwirrt.