Von Georg Langer
Vor einer Woche erschien an dieser Stelle ein Kommentar, der für helle Aufregung sorgte. Besonders im Internet braute sich etwas zusammen, was neudeutsch Shitstorm genannt wird. Das bedeutet vorsichtig übersetzt Exkrementgewitter. Dutzende Anhänger des linken Kandidaten tobten vor Wut. Was traut sich dieser Schreiberling, Aussagen ihres Hoffnungsträgers zu hinterfragen, anstatt brav dessen Jugend zu loben? Wie erwartet, hagelte es Beleidigungen, von denen mir Schmuddelkind und Pitbull besonders gefallen. Ich wurde der Dummheit und des Drogenkonsums beschuldigt. Unser Blatt sei in Wildwestmanier unterwegs, hieß es. Der Kandidat selbst beschwerte sich darüber, dass ihn die Lokalzeitung bisher seltener erwähnte als den amtierenden Oberbürgermeister. Die Drohungen der Genossen blieben dagegen fast so vage wie manche Wahlversprechen im Laufe der Kampagne „Frankfurt geht great again“. Außerdem forderten erboste Leser unparteiische Kommentare. Mit neutralen Meinungen kommt aber keine Diskussion zustande. Das zeigt das Ergebnis des vorigen Sonntags. Weniger als ein Viertel aller Wahlberechtigten gaben René Wilke ihre Stimme. Damit hat er gewonnen, denn den meisten Frankfurtern war Wurst, wer ihre Stadt leitet. In den achtziger Jahren gingen wir für das Recht auf freie Meinungsäußerung auf die Straße. Heute verzichten Menschen freiwillig auf diese Errungenschaft zugunsten des Rechts auf Empörung. Doch eine Demokratie braucht Beteiligung, verschiedene Ansichten und mitunter sogar Streit. Deshalb wird es hier, am linken Rand der Titelseite, auch in Zukunft Kritisches zu lesen geben. Dieser Pitbull trägt keinen Maulkorb.