Amerikaner glauben, Deutschlands beliebtestes Grünzeug sei Sauerkraut. Aber nur ein Gemüse genießt bei uns echten Kultstatus: Der Spargel. Jedes Frühjahr zahlen wir deftige Preise für die phallischen Stengel. Das ist zwar merkwürdig, aber eigentlich nicht schlimm. Diese Vorliebe für eine unreife Pflanze hilft der einheimischen Wirtschaft auf beiden Seiten der Oder. Nebenbei entstand dadurch die zweideutigste Berufsbezeichnung unserer Sprache, nämlich die des Stechers. Leider schadet die alljährliche Spargelhysterie mitunter der Landschaft. Manche Bauern können nicht abwarten, die Märkte mit dem harntreibenden Gewächs zu überschwemmen, und verwandeln ihre Felder in endlose Plastikwüsten. Dadurch versickert Regenwasser nicht mehr, Vögel, Insekten und andere Tiere finden keine Nahrung, kaum wieder verwertbare Müllberge entstehen, und das Ganze sieht einfach hässlich aus. Dabei funktionierte der Anbau jahrhundertelang ohne Folie. Eine Kunststoffdecke wird für Spargel genauso wenig benötigt wie Essbesteck. Diejenigen Landwirte, die das noch wissen, sollten irgendwie belohnt werden. Ein Etikett, das auf plastefreies Wachstum hinweist, könnte da vielleicht helfen. Eine Alternative bietet grüner Spargel. Der unterscheidet sich bezüglich Geschmack, Nährwert und markant riechendem Urin nur geringfügig von seinem bleichen Verwandten. Dass er mit seiner natürlichen Pflanzenfarbe weniger an einen Teil der männlichen Anatomie erinnert, mögen Feinschmecker als Vorteil oder Nachteil betrachten. Jedenfalls lassen sich beide Varianten des inoffiziellen Fruchtbarkeitssymbols zu Suppe verarbeiten, mit Soße oder Semmelbröseln kombinieren und auf ein Schnitzel packen. Na dann Mahlzeit.