Von Georg Langer
Kaum ein Volk rennt so oft zum Arzt wie das deutsche. Grund dafür ist nicht nur, dass es sich hauptsächlich von Zucker und Chemikalien ernährt, und selbst die kürzesten Strecken mit dem Auto zurücklegt. Viele Menschen in den Wartezimmern deutscher Arztpraxen brauchen eigentlich keine Behandlung, sondern einen Entschuldigungszettel. Während sich Arbeitnehmer in einigen anderen Ländern krank melden, müssen sie bei uns krank geschrieben werden. Jeder Mensch gilt also als Lügner oder Faulpelz, bis er seine Arbeitsunfähigkeit beweist. Der Vorteil ist, dass er nach Vorlage des gelben Scheins den vollen Lohn erhält, statt der siebzig Prozent in Teilen der Welt, wo die Unschuldsvermutung gilt. Infolge dieses teutonischen Systems herrscht wenigstens in den Städten selten Mangel an Allgemeinmedizinern. Auf dem Land sieht es leider anders aus. Und überall fehlen Spezialisten. Wer zum Beispiel in Frankfurt einen Hautarzt benötigt und nicht privat versichert ist, darf ein halbes Jahr warten. Wie ich vor kurzem erfuhr, verdanken wir das einer weiteren deutschen Besonderheit. Wo sich welcher Arzt niederlässt, entscheidet nicht etwa die Nachfrage, sondern die kassenärztliche Vereinigung. Dieses Kartell verhängt für Regionen Zulassungssperren, eine Art Obergrenze für Gesundheitspflege. So war es Hautärzten vor ein paar Jahren noch untersagt, sich in Frankfurt anzusiedeln. Seitdem dort die letzte niedergelassene Dermatologin in den Ruhestand ging, klagt auch die Vereinigung über Unterversorgung. Privatpatienten gelingt es meist, einen Termin im Klinikum zu bekommen. Alle, die auf gesetzliche Krankenkassen angewiesen sind, reisen am besten nach Polen, wo die Planwirtschaft abgeschafft ist.