Neuzelle (hn). Als „unendliche Geschichte“ bezeichnete Kurt Reimer von der Bürgerinitiative „Pro Ortsumgehung Neuzelle“ das schier endlose Projekt der gleichnamigen Straße am Montag im fast voll besetzten Restaurant des Schlosses Bomsdorf.

Dorthin hatte die Bürgerinitiative gemeinsam mit dem CDU-Landtagsabgeordneten Andreas Gliese interessierte Bürger, Kommunalpolitiker und Ortsvorsteher eingeladen, um weitere Maßnahmen gegenüber der Landesregierung zu beraten, nachdem viele Aktivitäten im Sande verlaufen sind, die rot-rote Landesregierung mehrfach wortbrüchig wurde und gegebene Versprechen nicht eingehalten hatte. Nun sei gegenüber der Landespolitik, die sich offenbar nicht für das Projekt interessiert, es womöglich bewusst sabotiert, und die Realisierung immer weiter wegschiebt, eine „härtere Gangart“ erforderlich.
„Es ist schon erstaunlich, dass Eisenhüttenstadt und Neuzelle als Orte mit der größten Verkehrsbelastung ... bis zuletzt aufgehoben wurden“, empörte sich Kurt Reiner in seinem Vortrag zur Geschichte der Ortsumgehung, die bereits im Jahr 1936 begann. In den vergangenen 30 Jahren seien zirka 3 Millionen Euro für mehrfache Planungs- und Gutachterleistungen ausgegeben worden. Hatte der Landesbetrieb für Straßenwesen das Projekt fertig, wurde die Planung an das Bundesunternehmen DEGES übertragen, begann alles von vorn. Kamen neue Rechtsvorschriften, wurde wieder angefangen. Ebenso, wenn ein seltener Frosch gefunden wurde oder sich die Flugbahn einer Fledermaus änderte.
Inzwischen gibt es sieben Varianten für den Streckenverlauf, es ist aber noch kein Ende erreicht. Und Bürger, deren Grundstücke unter die Streckenführung geraten könnten, sollten besonders aufmerksam sein. „Während einer Beratung in Eisenhüttenstadt im Mai 2018 wurde uns versprochen, die endgültige Streckenführung werde bis Ende 2018 feststehen“, berichtete Initiativmitglied Burkhard Jantke. Immerhin ist das Projekt seit 2003 Bestandteil des Bundesverkehrswegeplanes. Seit dieser Zeit hatte der Bund auch immer wieder seinen Anteil an der Finanzierung bereit gestellt, nur wurde das Geld durch das Land niemals abgerufen, weil die dafür erforderlichen Planungen sich ständig verzögerten. Auf einen Brief an Ministerpräsident Woidke mit der Forderung, das Schutzgut Mensch in den Vordergrund zu rücken, erfolgte bisher weder eine Eingangsbestätigung noch eine Antwort.
Der zweite Tagesordnungspunkt beschäftigte sich mit dem desolaten Zustand der Ortsdurchfahrten, die während des Baus der Dorchebrücke für den Umleitungsverkehr genutzt wurden. Auch diesbezüglich hatte die Landesregierung schnelle finanzielle Hilfe für die Reparaturen versprochen, bisher jedoch keinen Cent geliefert. Im Gegenteil, die Landesregierung, so Gliese, arbeite mit unfairen Mitteln, bis hin zur Erpressung, und versuche, die Straßen in Kreisstraßen umzuwidmen, damit die Kosten von den Kreisen und Kommunen, letztlich aber vom Bürger getragen werden müssen, einschließlich der Kosten für 25 Jahre Unterhaltungsrückstand. Hier sei massiver Widerstand und das Handeln der Wähler angesagt.
Nun bereitet die Bürgerinitiative eine Aktion vor, an deren Teilnahme alle Bürger aufgefordert sind: Die gleichzeitige, koordinierte und massive Blockade der Ortsdurchfahrten, um Woidke & Co. daran zu erinnern, dass auch seine Regierung für die Menschen da ist, und nicht umgekehrt. Der Aufstand der Neuzeller ist in Vorbereitung. Gründe dafür gibt es noch viel mehr: das Abgehängt sein von Wirtschaft und Kultur, steinzeitliche Internetverbindungen, mangelhafte Bildung und Ärzteversorgung rufen zunehmend den Zorn der Menschen hervor.
Die Bürgerinitiative „Pro Ortsumgehung Neuzelle“ trifft sich an jedem zweiten Montag im Monat um 19 Uhr im „Prinz Albrecht“ in Neuzelle. Interessierte, Zuhörer und Mitstreiter sind herzlich willkommen.