Eisenhüttenstadt (hn). Viele Hundert Eisenhüttenstädter und ihre Gäste trafen sich an Heiligabend um 16 Uhr trotz teilweise stürmischen Windes zur 39. Auflage des Turmblasens in der Lindenallee.

Bereits eine halbe Stunde zuvor versammelten sich die Trompeter Chris Görlitz, Bruno Walter und Arno Märker sowie die Tenorhornisten Ralf und Toni Schiller mit Heiko Reichmuth an der Tuba in der Wohnung von Helga Boehm- wo bereits ein kleiner Imbiss auf sie wartete - um sich einzuspielen.
„Das derzeitige Turmbläsersextett wurde extra aus Musikern der Region zusammen gestellt”, sagte Arno Märker. „Und das Eisenhüttenstädter Turmblasen zählt zu den Höhepunkten unseres Musikjahres.” Er bedankte sich bei der Gastgeberin und auch der Stadt Eisenhüttenstadt für die langjährige Unterstützung der Aktion und erinnerte daran, dass Helga Boehms Sohn Uli mit seinem Freund Wolfgang Galle im Jahr 1978 spontan den Balkon betraten und mit Weihnachtsliedern aufspielten. Applaus gab es von der Straße, und die Tradition war geboren. „Es ist beeindruckend”, so Märker, „wie viele erwartungsvolle Menschen jedes Jahr kommen, um unsere traditionellen und internationalen Weihnachtslieder zu hören.”
Für die 90-jährige Helga Boehm gehört diese allweihnachtliche Veranstaltung zum Einstimmen auf das Fest und wird, solange sie „die Wohnungstür noch selbst öffnen kann” auch weiterhin bei ihr stattfinden. Sie selbst war damals erstaunt von der Wirkung der Musik auf die Passanten.Wobei ihr Sohn im nachhinein doch ein paar Bedenken hatte, weil auch Choräle gespielt worden waren. Aber in der damaligen Mitarbeiterin der Abteilung Kultur im Rat der Stadt Eisenhüttenstadt, Elfriede Herrendorf fand sie eine begeisterte Mitstreiterin für ihre Idee, so dass der weitere Weg frei war.
„Traditionen kann man nicht anordnen”, erklärte Helga Boehm. „Sie entwickeln sich. Und wer da befürchtete, es könne zu einem öffentlichen Trinkfest ausarten, der kann beruhigt sein: Man muss viel zu lange anstehen, um zu seinem Glühwein zu kommen.”
Zu den weiter gereisten Gästen zählte Conny Heinrich aus Eberswalde, die ihre Tochter besuchte, um das neu geborene Baby in Augenschein zu nehmen. „Bereits als ich noch in Eisenhüttenstadt wohnte, sind wir zum Turmblasen gegangen”, erzählte sie. „Es war immer das Highlight vor der Bescherung.” Nun hatte sie noch ihr Pflegekind Fabian (8) dabei, der sich in seiner neuen Familie sehr wohl fühlt und stolz darauf ist, „Minionkel” geworden zu sein.
Das Weihnachtsfest findet auch Sabir Demueh aus Afghanistan toll. Er ist seit 2015 in Eisenhüttenstadt und absolviert eine Ausbildung zum Koch. „Herr und Frau Krüger sind sehr nette und freundliche Leute”, sagte er. „Bei uns gibt es statt Weihnachten zum Frühlingsanfang das Neujahrsfest. Und das Zuckerfest nach dem Ramadan, das ist für uns so wie Weihnachten hier.”