Berlin (kel). Die in Japan geborene Schriftstellerin Yoko Tawada erhielt den diesjährigen Kleist-Preis.

Auf der Bühne im Berliner Ensemble herrscht Winter, die Lieblingsjahreszeit der Preisträgerin. Hinter sechs hohen Kuben aus echtem Eis liest Tawada zusammen mit Schauspieler Lars Eidinger, der einen Abend vorher noch in Prag den Hamlet spielte, aus ihren und Kleists Werken vor. Dazu jazzt Alexander von Schlippenbach auf dem Klavier.
Regisseurin Ulrike Ottinger hat die Preisträgerin für den mit 20.000 Euro dotierten Kleist-Preis vorgeschlagen. Laut Satzung der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft liegt die Entscheidung über die Preisvergabe bei einer Vertrauensperson, die von einer Jury, zu der auch der ehemalige Chef des Frankfurter Kleist-Museums Wolfgang de Bruyn gehört, ausgewählt wird.
Ottinger hielt auch die Laudatio für Yoko Tawada. Beide lernten sich 1998 in Japan kennen. Jahre später half die Japanerin der Deutschen beim Drehen des Films „Unter Schnee“. Für Ottinger seien Tawadas Texte „voller Witz und Klugheit“. Jedes Wort „ist eine Wiedergeburt der deutschen Sprache“. Gleichzeitig wäre Tawada, wie von Günter Blamberger, Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, gewünscht, eine „Unruhestifterin“.
Sie setze Zeichen gegen Behinderungen der öffentlichen Arbeit und gegen Aufrichtung alter Grenzen, so Ottinger. In Tawadas neuestem Roman „Etüden im Schnee“ geht es um Migrantenschicksale, die drei sprechende Eisbären verkörpern. Die Autorin schreibt auf Deutsch und Japanisch. Sie wurde 1960 in Tokyo geboren, lebt seit 1982 in Deutschland, zurzeit in Berlin, studierte Literaturwissenschaft und promovierte. Die Preisträgerin bedankt sich in ihrer Rede bei Kleist für „jeden Buchstaben, den er geschrieben hat“. Eigentlich wollte sie über Eis und Schnee sprechen. Das Wort Preis enthielte ja auch das Wort Eis. Aktuelle Ereignisse führten jedoch zur Veränderung ihrer Rede. Millionen von Menschen würden in Todesangst Grenzen überschreiten, sagt die „Unruhestifterin“. Dabei gehöre die Welt doch allen Menschen.