Ostbrandenburg (geh). Zwischen zwei Dienstreisen fand Matthias Platzeck die Zeit, Fragen nach seinen Erinnerungen an das Oderhochwasser von 1997 zu beantworten.

Katja Gehring: Herr Platzeck, was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an das Oderhochwasser von 1997 denken?

Matthias Platzeck:  „Die ungeheure Wucht des Deichbruchs in der Ziltendorfer Niederung kommt mir als erstes in den Sinn, die damit verbundene Gefährdung des Lebens insbesondere der Deichläufer aber auch des Hab und Guts vieler Menschen. Aber auch die ungeahnte Welle der Einsatz- und Hilfsbereitschaft unzähliger Menschen in ganz Deutschland und der Mut und die Professionalität der Freiwilligen Feuerwehren, der Bundeswehr unter General von Kirchbach, des THW und der anderen Hilfskräfte werden mir immer in Erinnerung bleiben.”
Mussten Sie damals Entscheidungen treffen, die Ihnen schwer gefallen sind?
Wenn ja, welche?

„Am schwersten ist uns allen die Entscheidung zur Evakuierung des Oderbruchs gefallen. Dabei haben sich teilweise dramatische Szenen in den Dörfern abgespielt, manche dachten, sie würden ihre Häuser und Höfe nie wiedersehen. Eine ältere Dame wollte auf keinen Fall ohne ihre Katze das Dorf verlassen - Bundespolizisten machten sich auf die Suche und waren erfolgreich - auch solche anrührenden Szenen gehörten dazu.”

Würden Sie aus heutiger Sicht in gleicher Situation anders handeln?   

„Wenn man aus dem Rathaus kommt, ist man immer klüger. Aber auch rückblickend würden wir es wohl alle wieder so machen. Wir hatten eine ganz klare Priorität: Nach den vielen Todesopfern in unseren Nachbarländern Tschechien und Polen galt es, vor allem das Leben und die Gesundheit der Menschen zu schützen. Alles andere kam danach und wurde dem untergeordnet. Am Ende konnten wir trotz vieler komplizierter Situationen froh sein, dass alle wohlauf waren.”

Waren Sie gern der „Deichgraf”?     

„Während der Wochen im Flutgebiet haben alle, die mitgeholfen haben, wenig vom Medienecho mitbekommen. Wir hatten einfach keine Zeit, die Tage waren randvoll und die paar freien Stunden wurden zum Schlafen genutzt. Danach habe ich die Bezeichnung Deichgraf natürlich gehört und mich gefreut, weil sie davon zeugte, dass Vertrauen entstanden war. Ohne solches Vertrauen, das unter anderem auf ehrlicher und ungeschönter Information beruht, kann man in solchen Situationen wenig ausrichten.”

Wie schätzen Sie die Maßnahmen zum Hochwasserschutz nach der Katastrophe von 1997 ein?     

„Alles, was in den letzten zwei Jahrzehnten vom Deichbau bis hin zur Schaffung von Retentionsflächen erreicht wurde, hat unser Land und seine Bürger deutlich sicherer gemacht - die Elbeflut 2013 hat davon Zeugnis abgelegt.”

Vielen Dank.