Frankfurt (Oder). Nach wie vor bleibt ungeklärt, wer vor über zwei Wochen sieben Stolpersteine aus dem Pflaster riss.

Von Georg Langer


Am 12. Juni 2019 entdeckten Mitglieder der Bürgerinitiative Lennépark, dass im Park sieben Gedenksteine fehlen, die an von Nazis ermordete Juden erinnerten. Anzeige wurde erstattet. „Kriminalisten des Staatsschutzes der Direktion Ost ermitteln nun, wer dafür verantwortlich ist“, heißt es in einer Pressemitteilung der Polizei. Allerdings berichten Augenzeugen, dass bei der Aufnahme der Strafanzeige keine Spuren gesichert wurden. Mitglieder der Bürgerinitiative und des Ordnungsamts hätten anschließend die umliegenden Büsche abgesucht, fanden die fehlenden Stolpersteine aber nicht.
Am Freitag, dem 21. Juni 2019 fragte die OderlandSpiegel-Redaktion per E-Mail die Pressestelle der Polizeidirektion Ost: „Gehen die Ermittlungen in eine bestimmte Richtung? Gibt es Spuren, Zeugen oder Verdächtige? Gab es schon Festnahmen oder Durchsuchungen? Ist von einem judenfeindlichen Motiv auszugehen? Müssen sich Juden in unserer Stadt Sorgen machen?“ Bis Redaktionsschluss hat die Polizei keine dieser Fragen beantwortet.
Den ersten der gewaltsam entfernten Stolpersteine hatte der Künstler Gunter Demnig im Jahr 2013 verlegt. Der Stein war Cäcilie Lewy gewidmet. Die Patenschaft übernahmen Sigrun und Peter Fritsch. Daneben brachte Demnig im nächsten Jahr drei weitere Stolperstein an. Die Patenschaft für Isidor Bernhard übernahm Heinz Vater, für Elisa Köhler Die Linke, und für Emma Lewin der jetzige Oberbürgermeister René Wilke. Für den 2016 verlegten und Margarete Landshoff gewidment Stein stand der Verein Utopia Pate. 2017 folgten die Steine zum Gedenken an Johanna Bykiel und Else Nathan, für die es noch keine Paten gibt.
An dem Ort, wo die Stolpersteine verschwanden, stand früher ein jüdisches Krankenhaus. Es wurde 1838 eingeweiht, berichtet Carsten Höft von der Initiativgruppe Stolpersteine. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden das Krankenhaus und die nicht weit davon entfernte Synagoge zerstört. Wer genau für die Zerstörung verantwortlich war, sei laut Höft nicht vollständig geklärt. Heutzutage trifft sich am Standort des ehemaligen Krankenhauses regelmäßig eine Gruppe junger Männer, nach deren eigenen Angaben mehrere Syrer und ein Palästinenser. Sie erklären, die Entfernung der Stolpersteine nicht beobachtet zu haben. Auch sonst konnte ich keine Zeugen finden. „Niemand hat etwas gesehen. So war es auch damals“, sagt Carsten Höft.
Kaum Zweifel besteht am judenfeindlichen Motiv der Straftat. Sie geschah genau an dem Tag, an dem Anne Frank 90 Jahre alt geworden wäre. Nicht lange davor fand in Berlin der Al-Kuds-Marsch statt, der in Hetze gegen den Staat Israel ausartete.
Diese Woche berichtet die Polizei, dass ein Kindergarten in der Martin-Opitz-Straße mit Hakenkreuzen und einem Davidstern besprüht wurde. Auch in diesem Fall ermittle der Staatsschutz. Jan Augustyniak, Sprecher des Bündnisses „Kein Ort für Nazis in Frankfurt (Oder)“ schreibt in einer Pressemitteilung: „Rechte Propagandastraftaten scheinen in Frankfurt (Oder) wieder salonfähig zu werden. Erst werden zum 90. Geburtstag von Anne Frank mehrere Stolpersteine entwendet, wenige Tage später tauchen an mehreren Kindergärten rechte Schmierereien auf. Es ist einmal mehr Zeit sich deutlich zu positionieren. Die Aktionen der Neonazis machen deutlich, dass das Engagement aller demokratischen und antifaschistischen Akteure in der Region weiterhin notwendig ist. Rechten Tendenzen gilt es sich entschlossen entgegenzustellen; neonazistische Propaganda darf nicht unwidersprochen bleiben.“ Auch beim Verschwinden der Stolpersteine vermutet Augustyniak ein antisemitisches Tatmotiv.
Carsten Höft sagt, Gunter Demnig werde die Stolpersteine voraussichtlich Anfang September ersetzen. Sie werden nicht identisch, aber denselben Personen gewidmet. Ein zusätzlicher Kopfstein, für den die Bürgerinitiative Lennépark Pate steht, wird dann an das jüdische Krankenhaus erinnern. „Auch wenn die Steine verschwinden, sie kommen wieder“, sagt Carsten Höft. Spenden und Paten für diese und zukünftige Verlegungen seien jederzeit willkommen. Seit dem Jahr 2006 hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in Frankfurt (Oder) bereits 181 Stolpersteine verlegt.