Frankfurt/Oder (kel). Während der Kleist-Festtage wurde das Stück „paradies fluten” vom Kleist-Förderpreisträger Thomas Köck aufgeführt.

Irritiert wirkten die Besucherinnen und Besucher. Sie sahen im Wandelgang des Kleist Forums ein Autowrack, an der Decke hängende Autoreifen, auf dem Boden lagen verkrampfte Menschen, andere posierten in Stellungen, die von Fotos in Sexmagazinen übernommen wurden.
Eine Schauspielerin sprach über den kommenden Weltuntergang, da die Sonne die Erde verbrennen werde. „Die Katastrophe ist nicht vermeidbar“, lautete das Fazit. Dieses Untergangsszenario bildete den Prolog in Thomas Köcks Theaterstück „paradies fluten“.
Der Hauptteil wurde im ausverkauften Theatersaal der Probebühne gezeigt. Er begann mit rhythmischer Musik und expressivem Tanz. Das Schauspiel behandelt die Themen Kolonialisierung, Globalisierung, Kapitalismus, Klimawandel und auch Demenz. Ein Vater hat eine Kfz-Werkstatt eröffnet. Er geht jedoch durch „spätkapitalistische Verblendung“ pleite und wird demenzkrank. „Der Markt ist ein scheues Reh“, erklingt es ironisch von der Bühne. Die Tochter, eine Tänzerin, die auf Honorarbasis arbeitet, plagen Existenzängste. „Kein Honorar, keine Basis“. Von der Gegenwart ging es übergangslos in die Vergangenheit. Ein deutscher Architekt will im Jahr 1890 in Manaus, Brasiliens einstiger Kautschuk-Hochburg, mit „neuen Menschen“ ein Opernhaus bauen.
Gleichzeitig boomt der Kautschukraubbau. Aus dem Naturkautschuk, der Träne des Kautschukbaums, werden auch Autoreifen hergestellt. Tanz, Sprache und Musik verbinden Köcks Handlungsstränge. Kurz vor dem Ende der Vorstellung durften alle Gäste auf die Bühne. Sie wurden Teil der Inszenierung.
Thomas Köck erhielt für sein Theaterstück den Kleist-Förderpreis. „Wofür man früher ungefähr vier Stücke brauchte, braucht man jetzt nur noch einen Köck“, sagte die Dramatikerin Rebekka Kiercheldorf, die 2003 den Kleist-Förderpreis erhielt, in ihrer Laudatio. Wer das Stück liest oder sieht, spare sich ein Familiendrama, ein Historienstück, einen Polit-Thriller, einen postdramatischen Text, einen Lyrikband. Das Stück grenzt an ein Gesamtkunstwerk. Inszeniert wurde es von der Regisseurin Marie Bues und der Choreografin Nicki Liszta vom Theater Rampe aus Stuttgart. Sie haben Köcks starken Text tempo- und fantasiereich auf die Bühne gebracht. Dafür gab es berechtigten lang anhaltenden Beifall.