Hier wird eine kurze Überlandreise von Riga nach Frankfurt (Oder) beschrieben.

Von Georg Langer


Die Hauptstadt von Lettland liegt an der Düna, einem über tausend Kilometer langen Fluss. Auf einer Insel im Strom steht der höchste Fernsehturm der Europäischen Union. Mehrere Brücken verbinden die Stadtteile an beiden Ufern. Unser Hotel lag an der rechten Seite des Flusses. Dort befinden sich auch der Hauptbahnhof, der zentrale Markt und die von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannte Altstadt. Letztere ist auch das Zentrum des Nachtlebens. Dort traf ich neben Einheimischen auch einen Holländer, der sich über die für Osteuropa hohen Preise und einen Moskauer Anwalt, der sich über meine russische Grammatik beschwerte. Obendrein zeige meine militärische Ausdrucksweise, dass ich mein Schulrussisch von Kommunisten gelernt hatte, amüsierte sich der junge Jurist.
An die Zeit der sowjetischen Besatzung erinnern sich die meisten Balten ungern. Geschichtsbegeisterte Touristen werden oft vergeblich nach den Spuren dieser Zeit suchen. Denkmäler für Marx und Lenin wurden abgerissen, Straßen mit Kommunistennamen umbenannt.
Vierzig Minuten Zugfahrt von Riga entfernt liegt der Badeort Jurmala. Die Ostsee unterscheidet sich dort kaum von der, die ich aus Kindheitstagen auf Usedom kenne: Sandstrände, Algen und Wasser, das erst weit vom Ufer entfernt tief genug zum Schwimmen wird. Die Stadt besteht zu einem großen Teil aus Holzhäusern. Manche sind verfallen, andere aufwändig restauriert. Parallel zur Küste verläuft eine Fußgängerzone mit traditionellen und modernen Gaststätten, Kneipen und Läden. An Marktständen werden Wollsocken und Bernsteinschmuck verkauft.
Von Riga fuhren meine Reisegefährtin und ich mit dem Fernbus nach Vilnius im benachbarten Litauen. Auch dort gehört die Altstadt mit ihren vielen Kirchen zum Weltkulturerbe. In ihrer Mitte steht der Palast der Erzherzoge von Litauen, die Kathedrale und die Reste einer Burg, die seinerzeit den Kreuzrittern trotzte. Eine weitere Attraktion der Altstadt ist das Tor der Morgenröte. Katholische und orthodoxe Christen pilgern dorthin, um vor einer Ikone der Schwarzen Madonna zu beten. Das Bild gilt als wundertätig. Eine Gedenkplakette erinnert daran, dass Papst Johannes Paul II persönlich diesen Ort besuchte.
Die im Barockstil erbaute Kirche des heiligen Kasimir, Schutzpatron Litauens, wandelte die sowjetische Besatzungsmacht in ein Museum des Atheismus um. Heute dient das Gebäude wieder seinem ursprünglichen Zweck. Zu den ungewöhnlicheren Sehenswürdigkeiten der litauischen Hauptstadt zählen ein Katzencafé und ein Denkmal für den Musiker Frank Zappa.
Speisen und Getränke des Baltikums können für Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftig sein. Das Nationalgericht Litauens und Lettlands ist im Sommer eine sahnige Rote-Beete-Suppe, die kalt gegessen wird. Beliebtestes Getränk ist Kwas, traditionell aus gegorenem Brot hergestellt. Litauisches Bier schmeckt recht gut, lettisches weniger. Von einem Rigaer Schnaps namens Schwarzes Balsam kann ich nur abraten.
Ein weiterer komfortabler Fernbus brachte uns von Vilnius nach Warschau. Irgendwo im östlichen Polen hatten wir unplanmäßig über zwei Stunden Aufenthalt. Ein russischer Reisender hatte sich auf der Bustoilette eine Überdosis gespritzt. Erst nachdem die herbeigerufenen Polizisten den Rucksack des Verstorbenen durchsucht, Zeugen befragt und Spuren gesichert hatten, und ein Krankenwagen die sterblichen Überreste abtransportierte, konnten wir weiter. Um sich für die Verspätung zu entschuldigen, erstattete uns das Busunternehmen den kompletten Fahrpreis zurück.
In Warschau war es nicht einfach, das im Vorraus gebuchte Hotel zu erreichen. Leider beherrsche ich trotz der vielen Jahre in der Doppelstadt Slubice und Frankfurt (Oder) immer noch nicht die polnische Sprache. Am Warschauer Hauptbahnhof traf ich nur zwei Menschen, die englisch konnten. Wie sich herausstellte, handelte es sich um ein Touristenpaar mit New Yorker Akzent, das sich nicht besser auskannte als wir. Letztendlich fanden wir das Hotel doch in einem Gewerbegebiet in der Nähe eines weiteren Bahnhofs, einer vietnamesischen Gaststätte und einer Moschee.
Am nächsten Tag besichtigten wir die Stadt und trafen uns mit einer Bekannten. Nach einer letzten Übernachtung ging es mit dem Berlin-Warszawa-Express zurück an die Oderkante. Wie gewohnt war die Fahrt mit diesem Zug mit den altmodischen Abteilen und dem luxuriösen Speisewagen ein Genuss. Da sie aber über fünf Stunden dauerte, schliefen wir ein und unternahmen einen unfreiwilligen Abstecher nach Berlin. So klang die Reise, wie viele vor ihr, mit dem Regionalexpress 1 aus.