Müncheberg (geh). Über 160 Gäste aus dem ganzen Land waren zum Obstpflücktag in die Obstbauversuchsstation gekommen.

Sie hatten einerseits Gelegenheit, sich Tipps für den eigenen Anbau von Kernobstbäumen und deren Pflege zu holen, konnten sich aber auch selbst körbeweise Äpfel und Birnen pflücken. In dem Sortengarten in Müncheberg gibt es 1.000 Apfel- und über 300 Birnensorten. Momentan sind davon 300 verschiedene Apfelsorten verzehrbereit und etwa 50 Birnensorten. Die Gäste konnten die für sie am besten geeignete Sorte suchen. Meistens war es die, die ihnen am besten schmeckt. Stationsleiter Dr. Hilmar Schwärzel freute sich über die Resonanz und hoffte, „dass viele Sortenliebhaber und auch ganz einfache Apfelkonsumenten genau hier ihren Apfel finden - von der Reifezeit, vom Geschmack und Zucker-Säure-Verhältnis her”. Am Obstpflücktag wurde offiziell die Selbstpflücke eröffnet, die montags bis freitags von 9.30 bis 12 Uhr und zwischen 13 und 15 Uhr möglich ist.
„Viele Gäste kommen ausschließlich wegen der alten Sorten, die in der Obstbauversuchsstation Müncheberg erhalten werden”, so Dr. Hilmar Schwärzel. „Diese sind aufgrund einer anderen Zusammensetzung der Eiweiße für Allergiker verträglich”, so der Experte.
Die im Land Brandenburg einzige Obstbauversuchsstation existiert seit 88 Jahren. Seitdem wird am Standort Müncheberg mit Apfel- und Birnensorten sowie Kirschen geforscht. Außerdem kultivieren Expertinnen und Experten hier Brandenburg-untypische Sorten wie Aprikosen, Weintrauben und Pfirsiche auf dem 32 Hektar großen Gelände. Seit Mitte des Jahres ist die Obstbauversuchsstation Mitglied der Deutschen Genbank Obst und ist somit Teil eines deutschlandweiten Netzwerks zur Erhaltung von genetischen Ressourcen.
Zuletzt gerieten die Landesregierenden in die Kritik, weil in der Station Personalmangel herrscht.
Vorigen Mittwoch hat Landwirtschaftsminister Jörg Vorgelsänger dem ein Konzept entgegengesetzt. Das habe die Mitglieder der Initiative für den Wiederaufbau der Obstbauversuchsanstalt bezeichnete das Konzept zur Erhaltung der ehemals renommierten Obstforschungsstation als „absolut unzureichend“.  Nach den Vorstellungen des Ministers sollen nur vier Mitarbeiter und ein freiwilliger Verein das 32 Hektar große Areal betreiben. „Brandenburg entledigt sich eines Diamanten“, kritisiert Sabine Niels aus Fürstenwalde: „Die Arbeit des Landes an freiwillige Laien übertragen zu wollen, ist der blanke Hohn“.  
Auch Kerstin Hellmich aus Tempelberg lässt kein gutes Wort an dem Konzept:  „Die Pflichten des Ministeriums sollen auf Ehrenamtliche abgewälzt werden. Das ist nicht tragbar“.  Für Hellmich sind das hochqualifizierte Aufgaben für Fachpersonal.  „Das Einwerben von Drittmitteln können Laien nicht stemmen“, meint die Tempelbergerin.  „Unsere Bereitschaft zu unterstützen - wird so ausgenutzt“. Grundsätzlich wäre ein Förderverein eine gute Idee, aber nicht als eine der tragenden Säulen eines staatlichen Konzepts. Zumal dabei noch viele offene Fragen sind, kritisiert Niels. Sie stellt Fragen in den Raum, wie:  In wie weit will sich das Land beteiligen? Wer bestimmt die Struktur und wer soll einen stetigen Mittelzufluss gewährleisten?  Letztlich wäre die Obstbauversuchsstation „vogelfrei”, wenn per Mehrheitsbeschluss in solch einem Verein jenes Projekt angefasst würde, aber ein anderes tunlichst unterlassen würde.
In der traditionsreichen Anstalt wurde schon seit 1928 geforscht und obstgenetisches Material bewahrt. „Das Institut hat die Kaiser-, Nazi- und DDR-Zeit überlebt und wird jetzt unter der rot-roten Regierung zu einem Schatten einstiger Größe degradiert. Das ist eine Schande für das Land Brandenburg“, sagt Niels. „Gerade in der heutigen Zeit des Klimawandels ist die Obstforschung wichtiger denn je. Das darf nicht Saatgutkonzernen wie Monsanto und Bayer mit ihren auf Profit getrimmten Standard-Sorten  überlassen werden“. Kerstin Hellmich: „Es sind visionäre Lösungen mit diesem Potenzial der Obstversuchsstation im Angesicht des Klimawandels mehr als überfällig“.
Auch der agrarpolitische Sprecher der bündnisgrünen Landtagsfraktion Benjamin Raschke  hat das lange angekündigte und nun von Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger (SPD) vorgelegte neue Konzept für die Obstbauversuchsanstalt in Müncheberg kritisiert. „Mit diesem Konzept mag die Obstbauversuchsanstalt die vorhandenen Obstsorten erhalten können, wie hier jedoch Forschung betrieben werden soll, ist unklar. Die Obstbauversuchsanstalt bleibt ein Rumpfinstitut“, sagte er.
„Um das vierseitige Konzept zu erstellen, hat das Ministerium fast ein Jahr gebraucht. Diese Arbeitsweise erstaunt immer wieder. Auch inhaltlich ist die Vorlage dünn geraten. Vier angestellte Mitarbeiter sollen durch einen ehrenamtlichen Verein unterstützt werden. Es findet sich jedoch kein Wort darüber, wie der Minister die wichtige Aufgabe der Klimafolgenforschung beim Obstanbau mit dieser knappen Personalausstattung bewältigen will. Wenn Vogelsänger ausrichten lässt, dass die Obstbauforschung nicht zu den Pflichtaufgaben des Landes zähle, verkennt er die Situation. Vogelsänger muss hier dringend nachlegen.”
Interssierte finden das Konzept auf www.wiederaufbau-obstbauversuchsanstalt.de/images/dokumente/6-0151_MLUL_Konzept-Wiedereingliederung-Obstbau-Muencheberg.pdf.