Frankfurt (Oder). Im Haus der Begegnung wird es ab April eine Selbsthilfegruppe für von Bipolarität betroffene Menschen geben.

Von Katja Gehring


Vor acht Jahren - als das Leben für Wiebke Schußmann richtig losgehen sollte, machten sich bei der heute 32-Jährigen die ersten Symptome bemerkbar. Die junge Frau hatte gerade ihr Studium beendet und freute sich auf die Zukunft. Es waren nicht nur Stimmungsschwankungen, mit denen die junge Frau zu kämpfen hatte. Ihr Alltag bestand plötzlich aus tieftraurigen Momenten und welchen, in denen sie Bäume ausreißen wollte und in denen einfach alles möglich schien. „Wie eine Achterbahnfahrt“, beschreibt Wiebke Schußmann die extrem depressiven und dann wieder manischen Phasen, die sie durchleben musste.
Darunter hatte nicht nur sie zu leiden, sondern auch ihre Mitmenschen. Wahrscheinlich war die Situation für die noch viel schlimmer, mutmaßt Wiebke Schußmann. „Es kam der Zeitpunkt, an dem ich den Alltag nicht mehr händeln konnte und eingestehen musste, dass es höchst fahrlässig ist, so weiter zu machen.“ In ihrem Studium hatte sie gelernt, dass es völlig in Ordnung ist, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Man kann nicht alles alleine lösen. Denn das ist ja gerade bei psychischen Problemen immer noch eine große Schwierigkeit für viele Menschen und so ging es mir am Anfang auch.“ Wiebke Schußmann wollte sich helfen lassen - in einer Klinik. „Dieser Schritt war überhaupt nicht leicht, aber notwendig“, weiß sie heute.
Die Abstände zwischen den Phasen wurden größer, die Intensität geringer. Es folgten immer häufiger Mischzustände, was auch nicht ideal aber trotzdem besser ist. In der Klinik hatte Wiebke Schußmann eine drastische Entscheidung zu treffen: Sie musste raus aus der Stadt, weg von den Reizüberflutungen. Sie musste allem aus dem Weg gehen, was ihr nicht gut tat. Wiebke Schußmann verließ Halle, ihre Heimat, ihre Familie und all das, worauf junge Menschen Lust haben und zog auf einen Hof im Land Brandenburg. „Das hat mein Leben verändert“, erzählt sie erleichtert. Vier Jahre arbeitete sie dort als Gärtnerin. Und auch wenn sie viel zurückgelassen hat: „Das war das, was notwendig war“, kann Wiebke Schußmann heute erleichtert sagen.
Seit einigen Jahren blieben ihr längere Klinikaufenthalte erspart. Die 32-Jährige setzt aber weiterhin auf die Reha. Sie sagt: „Diese Aufenthalte haben mir immer etwas gebracht.“ Wiebke Schußmann hat schon länger nach einer Selbsthilfegruppe für Menschen wie sie gesucht, aber nicht gefunden. Jetzt ist Wiebke Schußmann so gefestigt, selbst die Initiative zur Gründung einer solchen Selbsthilfegruppe zu ergreifen. Auch, wenn es für sie immer noch nicht selbstverständlich ist, darüber zu sprechen.
„Ich finde das mutig. Wirklich mutig“, sagt Angela Henkel, Leiterin des Hauses der Begegnung in Frankfurt (Oder). Bei ihr hatte Wiebke Schußmann Unterstützung zur Umsetzung des Vorhabens gesucht und gefunden. Die Expertin berichtet, dass die Zahl der Selbsthilfegruppen ansteigt und „das quer durch alle Generationen“. Einig sind sich die beiden Frauen darin, dass Selbsthilfegruppen wirklich helfen. „Für mich ist das eine ganz wichtige Säule der Genesung“, beschreibt Wiebke Schußmann ihre Herangehensweise. „Man kann voneinander profitieren, lernen, sich gegenseitig auffangen und merken, dass man nicht alleine ist.“
Im Haus der Begegnung wird Wiebke Schußmann nun die Selbsthilfegruppe für von Bipolarität Betroffene gründen. Auf die Bezeichnung legt sie großen Wert. Denn sie mag es überhaupt nicht, von Krankheit oder Störung zu sprechen. Bipolarität gehört nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störung (DGBS) zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen in der Bundesrepublik. Bei Menschen, die daran leiden, kommt es zu völlig übersteigerten Stimmungsschwankungen und Aktivitäten, wie beispielsweise Kaufrausch. Diese Phase geht einher mit verringertem Schlafbedürfnis. Daraus entstehen dann schnell Schlafstörungen, an denen Wiebke Schußmann heute noch leidet. Bipolarität ist in gewissem Maße erblich. Patienten sollten sich darüber im Klaren sein, dass Bipolarität im Regelfall das ganze Leben lang behandelt werden muss. Neben der medikamentösen Therapie kommen auch Verfahren der Psychotherapie zum Einsatz. Der Besuch einer Selbsthilfegruppe könne laut DGBS ein wichtiger Teil der Bewältigung und des Umgangs mit einer solchen psychischen Erkrankung sein. Studien haben belegt, dass der Besuch einer Selbsthilfegruppe Klinikaufenthalte verkürzen kann.
Das Auftakttreffen der Selbsthilfegruppe für von Bipolarität Betroffene findet am Mittwoch, dem 3. April 2019 um 16.30 Uhr im Haus der Begegnung, Klabundstraße 10 in Frankfurt (Oder) statt. Interessierte sind herzlich willkommen.