Eisenhüttenstadt (gla). Auf der Mut-Tour 2016 fahren bundesweit Menschen mit und ohne Depressionserfahrung gemeinsam Rad. Die Betroffenen berichten über ihren Weg mit Depression.

Jetzt machte eine Gruppe von sechs Menschen auf Tandems Station in Eisenhüttenstadt. Vor dem Rathaus wurden die Radlerinnen und Radler von Bürgermeisterin Dagmar Püschel empfangen. Initiator Sebastian Burger erzählte dabei von den Anfängen des Projekts. 2006 ging er nach einer Krise an der Weser entlang, und empfand trotz eines Graupelschauers die „Natur als wohlbringendes, erdendes Umfeld“. Er beschloss, das mit der heilenden Wirkung, die eine Gemeinschaft bringt, in der Betroffene über ihre Erfahrungen reden, zu verbinden. Auf dem Pressefoto versteckt er sein Gesicht hinter einem Smiley, um an Millionen Menschen zu erinnern, die ihre Depression noch verbergen. Er betonte, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Mut-Touren eine Opferrolle ablehnen.
Das bestätigte auch Sarina Krebs, die beim Deutschen Patientenkongress Depression in Leipzig von der Mut-Tour erfuhr und sich der Staffel anschloss, die am 4. Juni 2016 in Heidelberg begann. Sie sagte auch, dass zur Mut-Tour 2016 noch eine zweite Tandemstaffel gehöre, die in Köln gestartet war, während andere Beteiligte mit dem Kanu und zu Fuß unterwegs sind. Treffpunkt aller Staffeln ist am 3. September 2016 in Bremen.
Jede Etappe der Tandemstaffel ist 505 Kilometer lang und dauert zehn Tage. Wie Sarina Krebs sagte, sucht sich das Team spontan Schlafplätze für die Nacht. Das bedeutet meist Zelten im Freien. Bei schlechtem Wetter müssen die Radlerinnen und Radler oft Alternativen suchen, zum Beispiel Kirchenasyl.
Das Zahnrad eines Tandems musste bereits ausgetauscht werden. Am Abend vor der Ankunft in Eisenhüttenstadt mussten die Lebensmittel des Teams gegen eine hungrige Ziegenherde verteidigt werden, erzählte Teilnehmer Erich Timm.
Esther Tagmann, Radlerin aus der Schweiz, sagte: „Ich schätze die Gemeinschaft hier sehr. Wir können voneinander lernen, wie die anderen mit der Situation umgegangen sind.“
Die Deutsche Depressionsliga ist Trägerverein und laut Aussage der Mut-Touristen einziger bundesweiter Interessenverband für Menschen mit Depression. Nach dem Treffen mit der Bürgermeisterin hatten die Radlerinnen und Radler noch einige Tipps für andere Betroffene. Sie sollten versuchen, ihre eigenen Ressourcen zu erkennen, sagte Ester Müller. Bei ihr wäre das die Gartenarbeit. Sarina Krebs empfahl, sich mit Leuten zu umgeben, die einem gut tun, einen nicht unter Druck setzen und Verständnis zeigen. „Es hilft ungemein, wenn auch ein Bekannter sich damit auseinandersetzt“, sagte sie.
Sebastian Burger sprach sich gegen eine Bagatellisierung von Depression, wie die Floskel „Das wird schon wieder“ aus. Oft wäre es besser, nichts zu sagen, für Betroffene da zu sein oder sie in den Arm zu nehmen. „Auch Ratschläge sind Schläge“, sagte er.
Die Nacht verbrachte das Tandem-Team im Gebäude des Rudervereins Fürstenberg.
Die Deutsche Depressionsliga kämpft vorrangig gegen die Stigmatisierung von Menschen, die unter Depression leiden. Anlässlich des Münchner Amoklaufs und der Berichterstattung darüber veröffentlichte sie folgende Stellungnahme: Es ist ungültig einen Sinnzusammenhang zwischen „Depression“ (im vorigen Leben der Attentäter) statt „psychischer Probleme“ herzustellen. Depressionsbetroffene werden zu Unrecht durch den unguten Umgang mit der Vokabel stigmatisiert und es wird schwerer für die Gesellschaft, offen mit Depression umzugehen.