Frankfurt/Oder (gla). Vor drei Jahren begann Erik Vermeulens Weltreise.

Erik Vermeulen wurde 1992 in Frankfurt (Oder) geboren. Hier wuchs er auf, ging zur Schule, und machte seine Ausbildung als Sport- und Fitnesskaufmann. 2013 gewann er den Titel „Mister Brandenburg“. „Damit war ich dann qualifiziert zur Mister Germany Wahl“, erzählt der Frankfurter. Mit 19 Jahren war er der jüngste Teilnehmer. Er wurde dritter, konnte dadurch aber beim Mister Europe Wettbewerb mitmachen, den er gewann. Preis waren zwei Wochen in einem Modelcamp auf Zypern.
Erik zog nach Berlin, arbeitete unter anderem als Fitness-Experte für die Fernsehsendung taff und für die „Hard Candy“ Kette von Fitnesszentren, wo er deren Gründerin Madonna kennenlernte. Sein Bild war auch auf den Plakaten von FitInn zu sehen. Geschäftsführer Andy Theuerkauf war auf Erik aufmerksam geworden und bat ihn, als Model für das Fitnessstudio zu arbeiten. „Ich hatte eine echt geile Zwei-Raum-Wohnung und gerade einen Mercedes geleast“, erinnert sich Erik. Doch der Wunsch, noch etwas anderes zu machen, verstärkte sich. Der Frankfurter verkaufte seine Möbel, behielt aber das Auto. „Eigentlich war der Plan, dass ich nur ein Jahr nach Australien fahre“, sagt Erik. Er hatte viel über das Land gehört. Auch wollte er einmal sagen können, er war am anderen Ende der Welt.
Relativ unkompliziert erhielt Erik ein Arbeitsvisum für ein Jahr. Womit er in Australien Geld verdienen wollte, wusste er anfänglich nicht. Für einen Job als Fitnesstrainer reichte sein gebrochenes Englisch nicht aus. Bislang hatte er zwar gut verdient, aber durch das Auto und das Berliner Appartment nicht viel gespart. Der Flug kostete rund 1.500 Euro, das Visum 600 Euro. So landete Erik mit einem Rucksack und knapp 2.000 Euro am Flughafen von Sydney. Vier Tage im Zwölf-Bett-Zimmer eines Hostels hatte er bereits gebucht. Es war März, also Sommer in Australien. „Für mich war erstmal Urlaubsatmosphäre“, sagt Erik. Erst nach zwei Wochen überprüfte er seinen Kontostand. Es sah nicht gut aus.
Der Frankfurter begann, morgens bis abends Bewerbungen zu schreiben, probierte Jobportale online aus, klopfte bei möglichen Arbeitgebern an die Tür. Es gelang ihm, sich mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen. Unter anderem baute er für ein Möbelhaus Möbel auf, arbeitete in einem Hotel und errichtete für eine Baufirma Bühnen im berühmten Opernhaus von Sydney. „Also ich habe überlebt, konnte mir aber nichts ansparen“, sagt Erik. Erneut schrieb er Bewerbungen, diesmal speziell an Farmen. Bei einer Blumenfarm, die zwei Stunden von Sydney entfernt lag, wurde er fündig. Er nahm einen Zug und ein Taxi dorthin.
Das Leben auf der Farm stellte viele Herausforderungen. Gearbeitet wurde sieben Tage pro Woche, zwölf Stunden am Tag. Im Wohncontainer herrschte eine Temperatur von vierzig Grad. Obendrein hatte der Deutsche anfänglich Schwierigkeit, den australischen Dialekt zu verstehen, der auf dem Land stärker ausgeprägt ist. Die Blumenpflücker wurden pro Blume bezahlt. Nach sechs Monaten Arbeit hatte Erik 30.000 australische Dollar gespart. Er kaufte einen Jeep, in den er ein Bett einbaute. Damit bereiste er die Südküste und Westküste des Kontinents. Von Darwin aus machte er einen Abstecher mit dem Flugzeug nach Bali. Schließlich fuhr er entlang des Stuart Highways durch das Outback zurück nach Sydney. Diese Rundreise bezeichnet Erik als schönste Zeit seines Lebens. „Du stehst jeden Tag woanders, wachst immer an einem anderen Strand auf“, schwärmt der Weltenbummler. „Ein umheimlich großes Freiheitsgefühl“, fasst Erik zusammen. „Da bin ich richtig in Australien angekommen und habe gedacht, hier will ich länger bleiben.“ Nach ungefähr einem Jahr in Australien bekam Erik dort Besuch von seinen Eltern Frank und Ramona Vermeulen.
Inzwischen war das gesparte Geld aufgebraucht. Erik rief wieder bei der Blumenfarm an: „Ich bin pleite. Ich muss wieder zurück.“ Da er mindestens 88 Tage auf der Farm gearbeitet hatte, hatte er Anspruch auf ein Arbeitsvisum für ein zweites Jahr. Der Blumenzüchter beförderte ihn zum Supervisor. Erik durfte nun in einem Haus auf der Farm wohnen. Es hatte drei Zimmer, einen Fernseher und eine eigene Küche.
In acht Monaten Arbeit sparte Erik zirka 50.000 Dollar. Nun reiste er die Ostküste entlang nach Norden. Dabei lernte er seine jetzige Freundin kennen. Nach der Rückkehr lebte er eine Weile bei ihren Eltern in Syndey. Seine Freundin arbeitete als Managerin eines Schuhgeschäfts. Erik bekam einen Job bei einer Veranstaltungsagentur für dreißig Dollar pro Stunde.
Bei einer einmonatigen Reise durch Neuseeland sah Erik seinen Bruder wieder. „Für den war immer Neuseeland ein Traumland.“ Gemeinsam bereisten die Brüder mit einem Mietwagen beide Hauptinseln des Landes und legte dabei 6.000 Kilometer zurück.
Zurück in Sydney planten Erik und seine Freundin eine Weltreise. Sie buchten immer die günstigsten Flüge, ungeachtet eventueller Umwege und Zwischenstopps, da sie keine Eile hatten. Zuerst flogen sie von Sydney nach Auckland, dann auf die Cookinseln, Fidschi, Kuala Lumpur, Thailand, die Philippinen, und wieder über Kuala Lumpur nach Peking. In China angekommen reisten die beiden mit dem Zug nach Schanghai und Hongkong. Von dort flogen sie nach Tokio, Hawaii, Los Angeles und Las Vegas. Mit dem Auto ging es dann nach Arizona zum Grand Canyon. Wieder in Las Vegas angekommen flog das Paar nach New York, Miami, auf die Bahamas, nach Mexiko, Bogota, Rio de Janeiro, Lissabon und schließlich nach Deutschland. Während der Weltreise erkundeten sie unter anderem das Inland Thailands, der Vereinigten Staaten und Chinas.
Ursprünglich buchten Erik und seine Freundin überall Unterkunft in Herbergen im Voraus. Ab China hatten sie allerdings genug von Übernachtungen in Schlafsälen. Sie probierten den Internet-Vermietungsdienst Airbnb aus. Da sie damit gute Erfahrungen machten, blieben sie dabei und stornierten alle Hostelbuchungen. Die Unterkunft in Privatwohnungen bot unter anderem den Vorteil, dass die Reisenden in ganz normalen Nachbarschaften wohnten. Oft waren sie dort die einzigen Weißen.
Seit einigen Wochen ist Erik wieder in Deutschland. Drei Jahre war er aus der alten Heimat weg. Während dieser Zeit legte er 93.026 Flugkilometer zurück, besuchte 34 Orte und schlief in 56 verschiedenen Betten. Doch die Reiselust lässt ihn nicht los. Schon bald möchte er zurück nach Australien.