Eisenhüttenstadt (hn). Die Treuhand-Anstalt stand im Mittelpunkt einer Veranstaltung im Dokumentationszentrum für Alltagskultur der DDR.

Das Thema des Abends lautete „Die Treuhand: Idee - Praxis - Erfahrung 1990-1994“. So heißt auch das Buch des jungen Wissenschaftlers Dr. Marcus Böick, der aus Bochum angereist war. Böick studierte Wirtschafts- und Kulturgeschichte an der Ruhruniversität und legt mit diesem Buch eine umfassende Untersuchung zur Treuhandanstalt und die über sie geführten kontroversen Debatten vor. Gast und Augenzeuge der damaligen Vorgänge war Prof. Dr. Dr. Karl Döring, den Eisenhüttenstädtern als langjähriger Generaldirektor des Bandstahlkombinates Hermann Matern und EKO-Geschäftsführer bekannt. Unter Detlef Rohwedder war er von Juli bis November 1990 stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrates der Treuhand-Anstalt.
Das Thema interessiere zunehmend auch in den alten Bundesländern, stellte Marcus Böick fest, wobei zu beobachten sei, dass es zwischen Ost und West unterschiedliche Blickwinkel bei dessen Betrachtung gibt. Es folgte ein spannender Vortrag, worin der Referent die schwierige Aufgabe hatte, zehn Jahre Entwicklung in einer dreiviertel Stunde nachzuzeichnen, bevor Karl Döring aus eigenem Erleben berichten und beide die Fragen der Gäste beantworten konnten.
Böick spannte einen weiten Bogen bis zu den Resultaten des Wirkens der Treuhand, inklusive der Abschlussbilanz. Wahrgenommen wurde sie zunehmend als „anonyme Skandalbehörde“, was allgemein zu ihrem negativen Image führte, obwohl deren Gründungsidee noch aus der Zeit der letzten Volkskammer her rührte. Unterschiedlich seien in diesem Gremium die Vorstellungen zur Privatisierung gewesen, so dass die politisch unerfahrenen Abgeordneten der letzten Volksvertretung der DDR den Profis aus dem Westen nichts entgegenzusetzen hatten, deren Gesetzesvorschlag kritiklos annahmen und damit dem Raub von ungefähr einer Billion D-Mark Volksvermögen der DDR Vorschub leistete. Karl Döring erinnert sich noch gut an seine Arbeit unter Rohwedder. Dieser war ein erfahrener Unternehmensabwickler beziehungsweise -sanierer, für den auch die menschliche Komponente eine Rolle spielte. Döring, der mit weiteren ehemaligen Kombinatsdirektoren anfangs in die Treuhand berufen worden war, berichtete auch, wie sie durch „Umstrukturierung“ im Handstreich aus dieser Institution, die nun ganz in der Hand der westlichen Wirtschaft und Politik war, entfernt wurden. Dabei zitierte Döring aus seinem Buch „EKO - Stahl für die DDR - Stahl für die Welt“.
Als Fazit stellte Marcus Böick konkrete Zahlen zur Arbeit der Treuhand zur Verfügung: zirka 13.500 DDR-Betriebe wurden enteignet, von 4 Millionen Arbeitsplätzen sind 1,1 Millionen übrig geblieben, gegenüber 350 Milliarden D-Mark Ausgaben wurden 70 Milliarden D-Mark eingenommen, so dass die Treuhand-Anstalt ihre Arbeit 1994 mit einem Defizit von 270 Milliarden D-Mark abschloss.